Wir Menschen sitzen zu viel. Haben wir früher noch täglich stundenlang gejagt, Futter gesucht, ums überleben gekämpft, so bewegen wir uns heutzutage bestenfalls zum Auto, mit dem wir bequem Essen im Supermarkt kaufen können. Dank Internet und Telefon können wir uns sogar alles Notwendige direkt nach Hause liefern lassen. Gekämpft wird höchstens noch mit dem Papierkram – natürlich alles im Sitzen.
Die technische Entwicklung hat uns immer mehr Vereinfachungen geboten, sodass körperliche Arbeit immer weiter reduziert wurde. Geistig hingegen steigt die Belastung stetig weiter an, die Informationsflut wird immer größer und ebenso nehmen auch psychische Krankheiten oder Überlastungserscheinungen zu.
Die gestiegene geistige Belastung wird mit körperlicher Entspannung kompensiert. Wir stehen, wenn wir nicht laufen müssen, sitzen, wenn wir nicht stehen müssen und liegen, wenn wir nicht sitzen müssen.
Das Problem dabei ist, dass sich Körper und Geist schlicht und einfach nicht trennen lassen. Irgendwann trifft alles, was wir dem Körper antun, auch den Geist. Körper und Geist gehören zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Körperliche Inaktivität begünstigt auch geistige Trägheit. Eine Erfahrung, die ich in der Vergangenheit am eigenen Leibe erleben durfte.

Mein Fehler

Es gab eine Zeit, in der ich es versäumt habe, richtige Prioritäten zu setzen und mich auf das Wesentliche zu fokussieren, wodurch ich der Trägheit die Tür in mein Leben öffnete. Im Zuge der Selbstständigkeit kamen viele Herausforderungen auf mich zu und es gab und gibt unglaublich viele Baustellen.
Als Selbstständiger ist die größte Schwierigkeit, dass man nicht so recht weiß, was man zu erst tun soll, denn es gibt niemanden, der einem Anweisungen gibt. Plötzlich muss man alles alleine Regeln. Auf zehn Hochzeiten gleichzeitig tanzend, wurde ich mit der Zeit von der Informationsflut überrollt und verlor wesentliche Aspekte meines Lebens aus den Augen. Teilweise betraf es die Ernährung, bei der Ausnahmen ohne dass es mir bewusst geworden wäre allmählich zur Regel wurden. Schlimmer allerdings noch war die Tatsache, dass mir nicht bewusst wurde, wie ich nach und nach körperlich immer inaktiver geworden bin. Ich wollte so produktiv wie möglich sein. Schreiben, Lesen, Schaffen. Das Meiste davon am Computer im Sitzen, der Rest im Liegen. Ich habe es mir lieber dreimal überlegt, Einkäufe oder dergleichen zu erledigen, denn schließlich hätte ich in dieser Zeit auch produktiv sein können. So habe ich alle „zeitfressenden“ und mit Bewegung verbundenen Aktivitäten möglichst zeitsparend organisiert.
Aber je stärker die körperliche Inaktivität zunahm, desto unproduktiver wurde ich. Man gewöhnt sich daran, zu sitzen oder zu liegen. Man gewöhnt sich an Trägheit, bis sie schlussendlich auch den Geist infiziert.
Auf einmal bekam ich immer weniger Lust, an meinen Zielen/Projekten zu arbeiten, bekam immer weniger Lust, Aufgaben zu erledigen. Produktivität wurde zur Last.
So fand die Trägheit auch Einzug in andere Lebensbereiche. Trainiert habe ich natürlich weiterhin nahezu täglich, denn das war und ist für mich von großer Wichtigkeit. Aber je mehr die Trägheit sich verbreitete, desto weniger engagiert war ich im Training. Ich habe nach wie vor trainiert, aber ohne richtige Leidenschaft. Die Ernährung hat immer weiter geschliffen und was eigentlich für den Muskelaufbau gedacht war, endete eher in Fettaufbau. Zu breiten Schultern gesellte sich eine breite Taille.
Das schlimmste dabei war jedoch, dass mir all das nicht bewusst wurde. Mein Geist war bereits zu träge, um zu erkennen, was da passierte. Ich hatte natürlich das Wissen darum, wie es richtig geht, aber ich war zu beschäftigt mit anderen Bereichen meines Lebens, um zu erkennen, dass ich es nur halbherzig umgesetzt habe.

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Die Erkenntnis

Irgendwann kam allerdings die Zeit, in der mir bewusst wurde, dass irgendetwas nicht stimmt. Schlussendlich habe ich realisiert, wie sich körperliche Inaktivität und ein Mangel an Konzentration auf das Wesentliche auf das gesamte Leben negativ auswirken. Ich musste am eigenen Leibe erkennen, welche Folgen die zunehmende Verkopfung unserer Gesellschaft hat und ich musste auch erfahren, dass Trainingseinheiten keinen Wert haben, wenn die körperliche Aktivität nicht auch den Alltag dominiert.
Die Geschmeidigkeit geht verloren, schon bald kann man nur noch mit einer wirklich guten Erwärmung sinnvoll trainieren, ansonsten knacken die Gelenke und 10000-mal durchgeführte Bewegungen fühlen sich unangenehm schwerfällig an. Eine Stunde täglichen Trainings können die gängigen 15-20 Stunden der körperlichen Inaktivität pro Tag nicht aufwiegen. Inaktivität wird zur Gewohnheit und sich dadurch schnell auf das gesamte Leben ausbreiten. Der Stoffwechsel fährt herunter, Energie wird zunehmend in den Fettdepots gespeichert, der Geist erlahmt, das Immunsystem wird geschwächt, Krankheiten aller Art wird die Tür geöffnet. Das viele Sitzen und Liegen unserer Gesellschaft ist eine der wichtigsten Ursachen zahlreicher moderner Krankheiten, von Verfettung und Depression bis hin zu Schlaganfall und Herzinfarkt.
Gerade eben habe ich in Christian Zippels neuem Buch „80/20-Fitness“ genau über diese „Sitzkrankheit“ gelesen, was mich schließlich auch dazu bewog, diesen Artikel zu schreiben, meine Erfahrung mit Dir zu teilen und auch Lösungen aufzuzeigen, die mir sehr geholfen haben.

Der Weg zur Aktivität

Schritt 1: Besorge Dir einen Stehpult

Das größte Problem bei mir war, dass ich viel am Computer arbeiten musste. Da war es irgendwie selbstverständlich, viel zu sitzen. Aber so muss es nicht sein. Als ich einen entsprechenden Artikel in der Men’s Health las, habe ich mich dazu entschlossen, einen Stehpult zu besorgen. Stehpulte können teuer sein, daher habe ich ganz einfach aus drei Holzbrettern ein kleines „Schreibtischupgrade“ selbst gebastelt. Es funktioniert einwandfrei und mittlerweile arbeite ich so oft es geht im Stehen. Einzig das Lesen eines guten Buches findet bei mir in aller Regel noch im Liegen oder Sitzen statt, weil ich es dann besser genießen kann. Das ist übrigens auch ein bemerkenswerter Vorteil daran, möglichst häufig im Stehen zu arbeiten – Sitzen und Liegen wird zum Luxus und fühlt sich dadurch wesentlich angenehmer an. Gewohnheiten vermögen den Zauber einfacher Dinge zu zerstören!

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Schritt 2: Lass den Fernseher aus

Du musst nicht bis auf alle Zeiten auf den Fernseher verzichten, aber zumindest für ein paar Wochen ist es sinnvoll, um sich daran zu gewöhnen, aktiv zu sein. Klar ist es sehr entspannend nach einem harten Tag, einen guten Film zu schauen. Es mag auch lehrreich und nützlich sein, eine interessante Dokumentation zu sehen. Aber letztlich ist man dabei passiv und die alte Trägheit lebt wieder auf. Langfristig ist es okay, um eine wohltuende Balance zu finden. Aber um die ins Unterbewusstsein eingebrannte Trägheit zu überwinden, lohnt sich ein zeitlich begrenzter kompromissloser Verzicht auf den Fernseher. Stattdessen zu meditieren würde beispielsweise die Konzentration fördern, die Gedanken reinigen und gleichzeitig auch entspannen – beim Fernsehen neigt man dagegen eher dazu, dahinzuvegetieren.
Neben der Meditation bietet sich auch das Lesen eines guten Buches an, um den Tag sinnvoll ausklingen zu lassen. Beim Lesen ist man wesentlich aktiver als beim Fernsehen, denn das Fernsehprogramm läuft automatisch ab, wohingegen das Buch aktiv Zeile für Zeile durchgegangen werden muss. Bücher sind ein wichtiger Reiz für geistiges Wachstum. Sie bieten das Potenzial, Leben grundlegend zu verändern und sind daher eine perfekte Ergänzung für den aktiven Lebensstil, für ein Leben im Fluss. Abgesehen davon habe ich festgestellt, dass der Schlaf wesentlich tiefer und entspannter ist, wenn man zuvor seine Augen auf ein Buch statt auf einen Bildschirm gerichtet hatte.

Schritt 3: Bring Bewegung in Deinen Alltag

Versuche so viele Strecken wie möglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen. Steige beim Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwas früher aus, nutze die Treppe statt dem Fahrstuhl, bewege Dich beim Telefonieren, fahre wenn möglich mit dem Fahrrad einkaufen.
Letztlich frisst es schon etwas mehr Zeit, aber Gesundheit und Leistungsfähigkeit werden es Dir danken, sodass es sich schlussendlich absolut rentiert.
Zudem können solche Phasen auch genutzt werden, um den Tag zu organisieren, Klarheit in die Gedanken zu bringen, das Leben zu ordnen – oder einfach nur um den Geist zur Ruhe zu bringen und den Moment zu genießen. Solche Zeiträume sind gerade in stressigen Situationen von großer Wichtigkeit, um den Überblick zu behalten, Prioritäten und Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und sich nicht zu verzetteln.
Ein Schrittzähler oder eine entsprechende Smartphone-App können dabei behilflich sein, einen gewissen Ansporn zu liefern, sich mehr zu bewegen. Ziel ist es, möglichst lange auf den Beinen zu sein und Schwung in den Alltag zu bringen.
Es mag beispielsweise zuerst wie eine riesige Zeitverschwendung wirken, auf einmal mit dem Fahrrad zur Arbeit oder wohin auch immer zu fahren, aber mit der Zeit macht es richtig spaß, aktiv zu sein. Irgendwann wird Aktivität quasi zum Selbstläufer, sowie es eben auch bei der Passivität/Trägheit passieren kann. Wird Aktivität zur Routine, genießt man es richtig, sich zu bewegen, zu handeln, zu leben!

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Schritt 4: Starte Jetzt!

Warte nicht auf den richtigen Augenblick, denn er wird niemals kommen. Fange jetzt an, Dein Leben aktiver zu gestalten. Probiere meine Ratschläge im Monat Mai aus und beobachte, wie sich Deine gesamte Lebensqualität verbessert. Es wird anfangs anstrengend sein, weil es ungewohnt ist. Es mag ein paar Tage dauern, bis Du Dich daran gewöhnt hast, im Stehen konzentriert zu arbeiten. Aber mit der Zeit wirst Du es lieben lernen. Es wird zum angesprochenen Selbstläufer und Du wirst das viele Sitzen nicht mehr vermissen. Aber falls doch, so kannst Du notfalls nach der Mai-Challenge noch immer zu alten Gewohnheiten zurückkehren. Aber probiere es wenigstens für diesen einen Monat aus und ich garantiere Dir, Du wirst es nicht bereuen. Möglicherweise wirst Du Dich wie neu geboren fühlen. Gesünder, vitaler, energiegeladener sein. Du wirst Probleme leichter bewältigen und mit Stress besser umgehen können. Ganz nebenbei wirst Du auch merklich Fett abbauen, was so kurz vor dem Sommer ja auch nicht unbedingt ein Nachteil ist ;)
Ob Mann oder Frau, alt oder jung, Aktivität ist für alle Menschen wichtig. Schone Dich nicht zu Grabe, werde aktiv!

(Bildquelle: © Warren Goldswain – Fotolia.com)